Eine Feministische Intervention
Des NextGENDERation Network beim Europäischen Sozialforum

Die verschiedenen Ebenen an theoretischer Reflektion und politischem Aktivismus, die das erste Europäische Sozialforum in Florenz charakterisierten, zeigten, dass Repräsentationspolitiken definitiv in der Krise sind und dass stark auf Fragen der Zugehörigkeit bezogene Ausdrucksformen sich radikal gewandelt haben. Viele dieser von der antagonistischen Bewegung vorangetriebenen Ausdrucksformen sind durch das Hinter-Sich-Lassen beruhigender organisierter Identitäten charakterisiert. Statt dessen sind wir ZeugInnen der Entstehung eines Körpers der Subjektivitäten in fortgesetzter Re-Formulierung, gegründet, wie es in der Vergangenheit schon vorkam, auf Vorstellungen und Wünschen von Zugehörigkeit. Zugehörigkeit ist dieses Mal aber als in konstanter Bewegung zu begreifen und erzeugt daher Räume für verschiedene Formen der Vernetzung.

Dies wird im Einzelnen in Formen feministischen Denkens, als auch am theoretischen und organisatorischen Rahmen den das NextGENDERation Network dem von ihm auf dem ESF organisierten Workshop gab, sichtbar. Unser Netzwerk startet mit einer feministischen Perspektive, die auf der Vervielfachung der Machtachsen und demzufolge der Achsen politischen Handelns basiert. Das heißt konkret, dass wir den von post-kolonialen Subjekten und migrantischen Bewegungen produzierten Analysebeitrag, genauso wie die Bedeutung der von lesbischen und queeren Subjekten kommenden Kritik an Heteronormativität unterstreichen. Mit dieser Perspektive schauten wir auf die Widersprüche des an den Universitäten präsenten akademischen Feminismus, der seine in vergangenen Jahrzehnten vorhandene Fähigkeit zur politischen Störung verloren zu haben scheint.

Während des Prozess der Vorbereitung des ESF, beobachtete jemand von uns ein Treffen des ESF Vorbereitungsteams in Brüssel, auf dem wir lernten, dass der Großteil der "Gender- und Enthnizitäts- Arbeit" auf den Schultern einer die Frauenbewegungen repräsentierenden weißen Frau und eines die schwarzen, migrantischen und Flüchtlingsgruppen repräsentierenden schwarzen Mannes lastete. Wir lernten auch, dass die Struktur des ESF selbst die Idee reflektierte, dass die in Gender und Ethnizität (von Sexualität ganz zu schweigen) verwickelten Machtbeziehungen nicht als allgemeiner, quer verlaufender Belang begriffen wurden, sondern als "Partikular"-Themen, partikular für bestimmte Gruppen oder bestimmte Subjekte. Das Forum war rund um Cluster organisiert: Globalisierung und Liberalismus, Krieg und Frieden, sowie Rechte, Staatsbürgerschaft, Demokratie, wovon der dritte Fragen zu Frauen, Rassismus, Prostitution und Menschenhandel, Asyl, Festung Europa, Islamphobie etc. enthielt. Dies warf bei uns die Frage auf, wie solche Themen wie Globalisierung/Liberalismus/Krieg/Frieden aussähen, wenn sie mit Gender und Ethnizität gekreuzt würden.

Als wir die Marginalisierung oder Absenz von Frauen-, schwarzen, migrantischen und Flüchtlingsbewegungen sowie schwulen und lesbischen Bewegungen im Organisationsteam mit einem weißen, männlichen Vertreter von Attac auf informeller Ebene diskutierten, lernten wir, was er über diese "unglückliche" Situation dachte. "Hört mal", sagte er nach einer Weile ziemlich gereizt, "wir versuchen, diesen globalen Widerstand zu organisieren. Wenn sie [Frauenbewegungen, schwarze, migrantische und Flüchtlingsbewegungen sowie schwule und lesbische Bewegungen] nicht kommen, dann ist es ihr Problem." Nein, echote es fortgesetzt in unseren Köpfen, es ist sein Problem, es ist das Problem des ESF. Und indem wir uns entschlossen, einen Workshop zu organisieren, am ESF zu intervenieren, machten wir es auch zu unserem Problem. Wir fuhren zum ESF um über "missing links" zu diskutieren, wir fuhren, um die Konflikte auf die Agenda zu setzen und um nach Allianzen mit anderen Ausschau zu halten, die die Konflikte um Sexismus, Rassismus und Heterosexismus auf die Agenda brachten. Wir betrachten diesen Konflikt in Begriffen eines "kreativen Konflikts", der die Präsenz und Teilnahme "anderer Subjekte" erlauben und damit die gegenwärtige Art und Weise innerhalb der "Bewegung der Bewegungen", Politik zu betreiben und zu denken herausfordern würde. Heteronormativität und Whiteness anzusprechen, bedeutet nicht nur, einige der grundlegenden Kategorien, auf denen die gegenwärtige Konzeptualisierung von Politik baut, herauszufordern, sondern auch Möglichkeiten für eine andere Art des politischen Kampfes zu eröffnen.

Es war wichtig, unsere politische und theoretische Intervention auf diese Weise zu strukturieren, nicht nur um ein Netzwerk strategischer Allianzen mit Frauen und AktivistInnen verschiedener Bereiche aus Europa und darüber hinaus aufzubauen, sondern auch, um neuen Formen feministischer Subjektivität Konturen zu verleihen, die die verkörperten Komplexitäten, die wir leben reflektieren und gegen die simple Reduktion auf die Vorstellung von Gender oder sexueller Differenz kämpfen. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, dieses Wissen und diese politische Bewegungen, die in unserem dominanten kulturellen System und leider auch innerhalb des Feminismus selbst marginal sind anzuerkennen und für gültig zu erklären.

In diesem Sinne war das ESF aus zwei Gründen ein entscheidender Moment. Erstens zeigte das ESF das Wachstum der "Bewegung der Bewegungen" und ihre Rolle als Ort der Erschaffung kritischen Wissens, das sich institutionellen Politiken widersetzt. Zweitens war das ESF entscheidend für die Artikulation radikaler Kritik kapitalistischer Verhältnisse von Produktion und politischer Repräsentation. Indes bleiben solche Artikulationen Plätze des Kampfes und Konflikts, in denen die Agenden neuer feministischer Subjektivitäten oft mit, in einem eindimensionalen Konzept von Machtungleichheit verwurzelten, orthodoxeren anti-kapitalistischen Visionen zusammenprallen. Wir haben uns selbst so verortet, dass wir zu einem solchen orthodoxen Antikapitalismus und einem Modell des aktivistischen Machismo auf Distanz gehen, genauso wie zu der Selbst-Bezüglichkeit eines bestimmten Typs Feminismus. Um die Komplexität und Pluralität der Stimmen, die heute nicht nur im Westen sondern vor allem in anderen Kontinenten aktiv sind zu erklären, ist es angebrachter, von "Feminismen" statt von dem Feminismus zu reden. Auch wenn unsere Impressionen vom ESF nicht einstimmig positiv sind, heißt das nicht, dass das ESF nicht ein Moment von extremer politischer Wichtigkeit gewesen wäre. Tatsächlich haben wir während des ESF Kontakte aufgenommen und die Zusammenarbeit mit einer Reihe dort vertretener Frauengruppen begonnen, was zu der Organisierung eines dem nächstjährigen ESF in Paris vorangehenden Frauen Forums führen wird.

Rutvica Andrijasevic, Sarah Bracke, Cristina Gamberi
http://nextgenderation.let.uu.nl
Aus dem Englischen von Steffen Vogel.