Migrantinnenrechte und Repräsentationspolitik.
Anti-rassistische Feministinnen diskutieren häusliche Gewalt, Feminismus und Multikulturalismus

Als anti-rassistische Feministinnen haben wir die Debatte im Zuge des sog. "Ehrenmordes" an Hatun Sürücü mit großer Sorge verfolgt. Besonders alarmierend ist der wachsende Konsens, der in Multikulturalismus den eigentlichen Täter sieht und voschlägt, MigrantInnen eine imaginäre deutsche "Leitkultur" aufzuzwingen, Kinder aus Schulen zu verweisen, weitere Einwanderung zu verhindern und selbst niedergelassene MigrantInnen und ihre Kinder ihrer hart erkämpften Aufenthaltsrechte zu berauben. Nicht nur Mainstream-PolitikerInnen sondern auch mehrheitsdeutsche Feministinnen, Schwule und Lesben behaupten zunehmend, dass wir uns zwischen Multikulturalismus und Feminismus entscheiden müssen.

Wir glauben, dass eine solche "Wahl" für Migrantinnen und andere Mehrfachunterdrückte ein Luxus ist, den wir uns nicht leisten können. Daher bedauern wir, dass einige Migrantinnen öffentlich im Namen von Frauenrechten anti-multikulturalistische Positionen annehmen. Wir respektieren ihr Engagement gegen sexistische Gewalt, hinterfragen aber, in wessen Interesse sie zu Repräsentantinnen aller Migrantinnen erhoben werden. Genauso wenig können wir hinnehmen, dass mehrheitsdeutsche Organisationen wie der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) im Kampf um öffentliche Anerkennung und Ressourcen ein Bild migrantischer Kulturen als "rückständig und patriarchal" verbreiten. Das plötzliche Interesse des LSVD am Schicksal Hatun Sürücüs steht im Widerspruch mit seiner bisherigen Gleichgültigkeit gegenüber Frauen, Migrantinnen und Opfern häuslicher Gewalt in schwullesbischen Beziehungen.

Wir lehnen die Monokultur als Alternative zu Gewalt ab. Die Bevormundung von Migrantinnen und ihre Reduzierung auf die Rolle des Opfers ohne Handlungs- und Widerstandsfähigkeit ist selbst ein Akt von Gewalt. Zudem hat die sog. deutsche "Leitkultur" den Schutz minorisierter Opfer häuslicher Gewalt nie wirklich ernst genommen; sie bietet den Betroffenen daher nicht mehr, sondern weniger Alternativen.

Dagegen genießen Migrantinnenorganisationen breite Unterstützung unter Migrantinnen. Denn ihre Ermächtigungsstrategien verbinden Respekt für die Vielfalt an Identitäten mit praktischer Unterstützung (Unterbringung, finanzielle Unterstützung, Rechtsberatung etc). Statt falsche Entscheidungen zwischen Feminismus und Multikulturalismus zu erzwingen, brauchen wir eine Politik, die offen ist für eine Vielzahl progressiver Ziele; die Chancen- und Rechtegleichheit gewährleistet; die sowohl Sexismus als auch Rassismus und die Herabsetzung migrantischer Kulturen ablehnt. Wir brauchen Maßnahmen gegen alle Arten rassistischer, sexistischer, homophober, transphober Gewalt und kostenlose, nicht-diskriminierende Hilfen für Opfer von Gewalt. Die Linke muss sich für ein Politikverständnis einsetzen, wodurch die derzeitige Patronagepolitik durch basisdemokratische Bündnisse für soziale Gerechtigkeit ersetzt wird. Der anti-rassistische Feminismus birgt hierfür wichtige Lektionen, die wir nicht länger ignorieren dürfen.

Esra Erdem, Jinthana Haritaworn, Jennifer Petzen